Gladiatoren mit dicken Eiern


 

20 Jahre Tageszeitung – Meine persönliche Zeitreise …


 

Ein kaputter Lichtschalter, ein unvergesslicher Türstock-Kuss, Lehrling der alten Schule, zache Journalisten-Prüfung, Helden hinter den „von’s“ und der tagtägliche Kampf in der Silbergassen-Arena. Über die Tageszeitung – meine erste große Liebe …

von Roman Gasser

Unschuldige 14, blendendes Hellgrün hinter den Ohren, Mädchen-Zungenkuss-Träume, die im Kopf herumschwirrten, mit einer Körpergröße von gerade mal anderthalb Metern und mit der Erwartung eines gesunden Jungen im Kopf, stieg ich die Tageszeitung-Treppen empor – nach dem Lichtschalter suchend, der nicht funktionierte. Dort oben angekommen, schenkte mir niemand Aufmerksamkeit, nicht mal die verwelkte Blume, die dort in der einsamen Ecke stand. Es war an einem Frühlingsnachmittag 1999.

Man setzte mich vor einen Computer, mit einem Monitor, der so groß war wie die Waschmaschine meiner lieben Mutter – das waren sie noch, die guten alten Zeiten, als ein Computer noch so aussah wie ein Monstrum, das einen zu verschlingen drohte. Mit einer ausgebrannten Zigarette im Mund vorm Monitor gaffend, erklärte mir Kremser, wie ich zu arbeiten hatte. Er war der Allrounder, den ich immer noch bewundere.

Ich kenne ihn noch, den Türstock, der ins berüchtigte Hildegard-Kammerle führte. Ich wuchs schnell und mein Haar touchierte immer mehr am oberen Teil des Türstocks – und ein paar Monate später knallte ich mit meinen Ein-Meter-Neunzig gegen den Türstock. Ich lag am Boden, blöd-guckend – und Hildegard stand herzlich lachend vor mir.

Ich war die letzte Generation der harten Lehrlingsschule. Mir wurde tagtäglich von meinen zwei Alt-Grafikern befohlen, Pizza zu besorgen, Dreckwäsche in die Reinigung zu bringen und Zigaretten zu kaufen – der Tabacchino-Chef musste mich für einen halbstarken kettenrauchenden Eiertreter halten. Ich war der schüchterne Laufbursche, der abends Schwarzenegger-Filme guckte. Einmal an einem verregneten Herbstabend – auf die Heinrich-Textabgabe-um-23.30-Uhr wartend – wurde mir aufgetragen, zum Dönerstand zu fahren, um einen Fettmacher-Kebab zu holen. Also radelte ich mit Charlies Fahrrad in die Nacht hinein und besorgte die gewünschte Ware. Doch auf der Rückfahrt rutschte ich auf der klitschnassen Straße aus und küsste die Silbergassen-Pflastersteine. Ich fiel vom Rad und die Döner auf mich – ich war sozusagen ein Billigfleisch-mit-Regentropfen-übersätes, armseliges Ich. Oben angekommen, kannten die beiden Herren der Grafik kein Pardon, und verdonnerten mich drei Wochen lang ins Dia-Archiv, wo ich abertausende Dias neu einordnete. Ich hege keinen Groll, ganz im Gegenteil – durch solche Situationen wurde ich zur Kämpfernatur, die ich heute bin. Danke.

Was ein Redaktionsschluss wirklich bedeutet, muss man den jungen wilden Praktikanten/Journalisten von heute erst mal erklären. Früher hatten wir um 24.00 Uhr Redaktionsschluss. Meine lieben Eltern glaubten mir nicht, dass ich so lang arbeiten musste, sie meinten, ich sei vom Weg abgekommen – bis sie von Hildegard aufgeklärt wurden.

Drei Jahre später – mit 17 – war ich plötzlich Produktionsleiter und habe fast so viele Lehrlinge ausgebildet wie Freundinnen gehabt. Die Tageszeitung war meine erste große Liebe – zum Glück nicht die Letzte.

Wir hatten auch Zeiten, in denen Mitarbeiter meinten, es sei wichtig, welcher Name hinter dem „von“ steht … Die Tageszeitung lebt nicht von der Ich-Mentalität, sondern von den Ich-reiße-mir-den-Arsch-auf-TZlern, die nur ein Ziel haben – und zwar die Zeitung in den Vordergrund zu stellen.

Ich liebe es, zu schreiben und deshalb fing ich 2009 notgedrungen an, wöchentlich für die TZ zu schreiben. Mein Boss sah das und wollte, dass ich den Beruf Journalist erlerne. Ich holte mühsam die Reifeprüfung nach, trat 2013 zur staatlichen Journalisten-Prüfung an und schloss sie erfolgreich ab.

Für mich als Motorsport-Fan war es der größte Stolz, Günther Steiner, den ersten Südtiroler Formel-1-Teamchef, zu interviewen. Er war vom Interview so angetan, dass er mich nach Österreich zum Formel-1-Rennen einlud. Für mich ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Danke Günther.

Liebe Hildegarda, du bist die versteckte gute Seele der Tageszeitung. In ihrem Büro – mit der aufstrebenden Karin gegenüber sitzend –, stellt sie Tag für Tag sicher, dass die TZ funktioniert – und davon profitieren wir alle. Und der Charlie, der immer rennt und macht und tut und seine kleinen lustigen Grabenkämpfe mit Heini austrägt. Christian, der Spätaufsteher, der der TZ immer die Treue hält. Und Daniel, der junge, aufstrebende, saugute Gestalter. Das sind die Helden, die ich vollen Herzens bewundere und die hinter den „von“-Schreiberlingen stehen.

Wir Gladiatoren werden schon bald in unsere Silbergassen-Arena zurückkehren und unseren täglichen Kampf ausüben, damit Sie, liebe LeserInnen, immer was zu blättern haben.

„Ohne unsere Leidenschaft würde wir schon lange in den verstaubten Geschichtsbüchern stehen. Im diesen Sinne: geträumt wird zuhause – hier in der TZ wird abgeliefert. Also Zack-Zack, denn schon bald ist wieder Redaktionsschluss.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LEBENSLAUF

Roman Gasser, geboren in Bozen, wurde 1999 mit 14 Jahren von der Tageszeitung als Grafiker angestellt. 2002 erlangte er in der Gutenberg-Schule das Grafiker-Diplom und übernahm die Produktionsleitung bei der Tageszeitung. 2010 erlangte er das Reifediplom. 2013 absolvierte er die staatliche Journalisten-Prüfung in Rom, die er positiv bestand. Er ist ledig und lebt auf der Sonnenseite Südtirols – nämlich am Ritten.

 

Fotos: Charlie Oberleiter

Artikel: Roman Gasser
Artikel veröffentlicht in der
„Neuen Südtiroler Tageszeitung“ ©

Der Artikel von Roman Gasser in der 20-Jahre-Ausgabe der  „Neuen Südtiroler Tageszeitung“

Der Artikel von Roman Gasser in der 20-Jahre-Ausgabe der „Neuen Südtiroler Tageszeitung“

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