Ist Blasmusik cool?

Thomas Fink und Hannes Untermazoner

Volksmusikfeste – da denkt man automatisch an Trachten, Bierbänke, fettige Grillwürste, alte Volksmusik und billige Playback-Bühnenshows. Es geht auch anders, sind der Obmann der Musikkapelle Lengmoos (Ritten) Thomas Fink und Hannes Untermarzoner (OK-Mitglied) überzeugt. Mit einem in Südtirol einzigartigen Festival/Zeltfest wollen sie Blasmusik cool machen.

 

 

Tageszeitung: Wie kommt man auf die verrückte Idee, erstmals in Südtirol ein großes Festival der Blasmusik zu veranstalten?

Hannes Untermarzoner: In Österreich sind solche neuartigen Festivals gang und gäbe. Als wir ein Festival besuchten und dort 25.000 begeisterte Menschen abfeiern sahen, wurde uns sofort klar, dass so ein Model auch in Südtirol gut funktionieren müsste.

Thomas Fink: Viele klassische Instrumente werden nur in Zusammenhang mit traditioneller Musik gesehen. Das wollen wir mit dem Festival ändern. Auch mit Blasinstrumenten kann man coole und der Zeit angepasste Musik machen. Und vor allem professionell.

Diesen Typus von Festival gibt es in Südtirol in dieser Größenordnung noch nicht. Was macht euer Festival so besonders und wo hebt ihr euch von „klassischen“Rockfestivals ab?

Thomas: Der größte Unterschied ist die Musik. Vom Festival-Feeling her, unterscheiden wir uns keineswegs von anderen. Auch bei uns gibt es alles, was ein gutes Festival ausmacht. Unsere Priorität liegt ganz klar darin, den Leuten die Blasmusik schmackhaft zu machen und dieses tolle Instrument von den vielen Vorurteilen zu befreien.

Die da wären?

Thomas: Auf vielen Südtiroler Festen wird nur klassische Blasmusik von Musikkapellen gespielt. Somit entsteht der Eindruck, dass man die Blasmusik immer mit der Tradition assoziiert. Mit einem Blasinstrument kann man aber auch AC/DC spielen – was richtig geil rüberkommt.

Hannes: Immer noch hören viele Jugendliche nur Disko-Musik und besuchen auch nicht mehr so oft klassische Rockfestivals. Viele wissen nicht mehr was Musik eigentlich ist. Ich kann dem lästigen DJ-Sound schon lange nichts mehr abgewinnen. Wir wollen mit unserem Festival aufzeigen, dass es mit traditionellen Instrumenten auch rockig und cool ablaufen kann.

Auf vielen Südtiroler Festen wird nur klassische Blasmusik von Musikkapellen gespielt. Somit entsteht der Eindruck, dass man die Blasmusik immer mit der Tradition assoziiert.

Ist Blasmusik wieder cool geworden? Findet ein musikalischer Wandel bei den jungen Menschen statt?

Thomas: Viele Musikvereine wurden vor nicht allzu langer Zeit noch belächelt. Aber dieses Bild schwindet. Bei uns in der Musikkapelle können wir einen enormen Zulauf an Jugendlichen verzeichnen. Das macht uns natürlich sehr stolz.

Hannes: In Österreich gibt es mittlerweile viele kleine Bands, die diesen modernen Stil mit der Blasmusik in Einklang bringen. Das klingt richtig cool. Wenn man sich diese Musik zu Gemüte führt, fällt einen auf, dass es sich hier nicht mehr um die traditionelle Klänge handelt, sondern um schwungvolle moderne Musik.

Als fand ein enormer Wandel statt?

Hannes: Ja, überhaupt bei der Blasmusik. Es gibt immer mehr Jugendliche, die das Instrument perfekt beherrschen. Es gibt mittlerweile sehr viele, die es einfach drauf haben.

Thomas: Nicht jeder will in einem Orchester spielen. Also hat man sich zusammengetan und es wird an allen möglichen Orten gespielt. Untypische Locations für solche Instrumente.

Hannes: Wir bekommen tagtäglich mit, wie schnell und fortschrittlich sich dieses Segment entwickelt. Solche Blasmusik-Festivals haben enormes Potential.

Die Verbindung von klassischen Instrumenten mit moderner Musik kommt an …

Thomas: Ja, in Österreich werden mittlerweile sehr große Festivalgelände angemietet, Zelte aufgestellt und für 4.000 Menschen Platz geschaffen. Also vom billigen Wiesn-quinkelieren sind wir meilenweit entfernt. Da entsteht was Großes.

Wir wollen das sogenannte „schwierige“ Publikum davon überzeugen, dass moderne Blasmusik cool klingt.

Bei euch auch?

Thomas: (lacht) Natürlich. Volle Kanne. Wir wollen schon was Lässiges machen. Wir haben tolle Live-Bands, die allesamt professionell und modern spielen. Wir wollen eine gekonnte Verbindung zwischen dem Alten und dem Neuen herstellen. Selbstverständlich wollen wir auch ältere Generationen ansprechen. Wir wollen keinesfalls das Bild vermitteln, dass es sich um ein reines Jugend-Festival handelt. Alle Altersklassen sollen vertreten sein.

Ist es nicht eine Mammutaufgabe mehrere Generationen zugleich zu befriedigen? Wie lautet eure Zauberformel?

Thomas: Man muss den Besuchern was bieten. Nicht nur die klassische Grillwurst auf einer langweiligen Bierbank. Wir haben auch kulinarisch was zu bieten. Bei uns werden ein paar Köche toll aufkochen – von der Lasagne über den Salatteller bis zu vegetarischen Speisen.

Hannes: Man muss halt mit der Zeit gehen. Niemals stehen bleiben und nicht immer nur stur-traditionell denken. Das ist unsere Credo (lacht).

Nächstes Wochenende geht’s los. Ist Ende April nicht etwas früh?

Thomas: Im Sommer wäre es natürlich einfacher, aber wir haben gesagt, wir wollen nicht wetterabhängig sein, deshalb auch das große Zelt am Festivalgelände.

Wie ist es als Neuling in der Festival-Organisationsszene?

Hannes: Wir haben keine Ambitionen, die Fete des Jahrhunderts zu machen. Wir machen das zum ersten Mal, also sind wir noch jungfräulich unterwegs. Unser Schwerpunkt ist der Samstag. Da soll die Post abgehen.

Was macht den Samstag so speziell?

Hannes: Frühshopping mit den „Südtiroler Gaudimusikanten“. Sie spielen einen guten traditionellen/modernen Mix. Dann „Southbrass“eine junge flotte Gruppe, die aktuelle Charts-Hits auf ihre Weise interpretiert. Richtig cool.

Welche Headliner habt ihr im Köcher?

Thomas: Die bayrische Band „Musikatzen“. Die spielen mit Blasinstrumenten „AC/DC“, „Metallica“, „Rage Against the Machine“oder auch ganz traditionell „Die böhmische Liebe“. Sie passen perfekt zu uns, das ist geile moderne Blasmusik. Dann „Blechhaufen XXL“– sie liefern vor allem ein spektakuläres Showprogramm ab. Bunt und frech. Dabei kommt auch eine E-Gitarre zum Einsatz. Und natürlich die „Pro Solist’y“mit tollem Gesang.

Interessante Kombination …

Hannes: Diese Kombination aus Blasinstrument und E-Gitarre muss man sich mal geben. Was wir jeden raten: einfach mal die Augen schließen und ohne Vorurteile genießen.

Also wird man wenig Tracht und viel Jeans sehen?

Hannes: Wir wollen für alle ein Blasmusik-Festival organisieren. Von der Jeans, Tracht, Lederhose, Dirndl, Minirock bis zum bauchfreien Top (schmunzelt). Alle sollen vertreten sein.

Thomas: Wir wollen allen Besuchern diese moderne Arte der Blasmusik schmackhaft machen. Vielleicht kommt unser Festival saugut an und müssen uns dann fragen: haben wir die letzten 10 Jahre geschlafen?

Wie fühlt man sich als Vorreiter?

Thomas: In diesem Ausmaß sind wir die ersten in Südtirol, die es so aufziehen. Man darf nicht vergessen: Blasmusik-Festivals sind Neuland. Viele andere werden nachziehen.

Mir geht es auf die Nerven, wenn ich heute auf ein Festl gehe und du denkst dir: nicht schon wieder so ein „Ziehorgele“, eine miserable Truppe auf der Bühne, die auch noch playback begleitet wird und die allesamt vernichtend spielen – in solchen Situationen bin ich frustriert.

Was war das größte Organisationsproblem?

Thomas: Wir haben die Möglichkeit, alles zusammen mit der 200-Jahr-Feier der Musikkapelle aufzuziehen. Das war äußerst hilfreich. Wir sind ein OK-Team von elf Leuten, die alles koordinieren. Die anderen Freiwilligen vom Musikverein wollen wir möglichst wenig belasten. Für uns wird es eine große Herausforderung sein, alles bestmöglich über die Bühne zu bringen.

Hannes: Ich wünsch mir vom Herzen, dass diese Art von Festival bei den Menschen gut ankommt. Und hoffentlich treffen wir den Nagel auf den Kopf. Wir verlangen auch keinen Eintritt.

Thomas: Der Südtiroler hat immer ein wenig Berührungsängste, dem wollen wir entgegenwirken.

Wie würdet ihr eure Emotionen für diese Art von Musik beschreiben? Und wie wollt ihr andere überzeugen?

Thomas: Es ist eine Musikrichtung, die keiner kennt. Damit wird schon das erste Interesse geweckt. Um den Reiz zu befriedigen, würde ich jeden raten zuerst hinhören dann ein Urteil fällen. Wir spielen ja selbst.

Wie kann man Ruf der Blasmusik verbessern?

Thomas: Mir geht es auf die Nerven, wenn ich heute auf ein Festl gehe und du denkst dir: nicht schon wieder so ein „Ziehorgele“, eine miserable Truppe auf der Bühne, die auch noch playback begleitet wird und die allesamt vernichtend spielen – in solchen Situationen bin ich frustriert. Solche Auftritte bringt unsere Musik in Verruf. Es geht nicht nur ums Hören, sondern auch ums Sehen. Es muss was geboten werden, fürs Ohr und Auge.

Hannes: Es gibt leider viel zu viele 08/15-Bands.

Aber die klassischen Instrumente spielen auch in der internationalen Musikszene immer mehr eine Rolle …

Thomas: Zum Glück kommen immer mehr klassische Instrumente in den internationalen Charts vor. Ein berühmter Hollywood-Star singt und plötzlich taucht eine Trompete oder Blechsatz auf. Das ist schon sehr ermutigend.

Auch im elektronischen Bereich finden klassische Instrument eine neue Heimat …

Hannes: Ja, das stimmt. Die haben dann auch noch Millionen Klicks auf YouTube. Das ist eine saugute Werbung für die klassischen Instrumente.

Wieso werden Blasmusikvereine immer noch nicht wirklich ernst genommen?

Thomas: Vielleicht ist die Blasmusik generell ein wenig verpönt. Wenn ein Umzug stattfindet, bei dem 20.000 Leute zusehen, gefällt das jedem. Trotzdem werden wir als Musikkapelle nicht als eine professionelle Musikergruppe wahrgenommen. Jeder Festakt braucht eine Musikkapelle. So einfach ist das.

Es geht nicht nur ums Hören, sondern auch ums Sehen. Es muss was geboten werden, fürs Ohr und Auge.

Also spielt ein wenig Frust mit?

Thomas: Wir wollen nicht immer in dieselbe Schublade gesteckt werden, nur weil wir in Tracht auftreten. Denn mit der Tracht sind wir plötzlich Rechts. Dieses Schubladendenken geht mir auf die Eier.

Traditionell vs. Modern – ein Drahtseilakt schlechthin?

Thomas: Der traditionelle Teil gehört natürlich zu uns. Wir als Kapelle werden ja 200 Jahre alt. Als Musiker lebst du diese Tradition natürlich weiter. Aber es gibt auch eine enorme Weiterentwicklung bei den Instrumenten und in der Einstellung.

Hannes: Beim Festival soll alles lockerer ablaufen. Wir wollen den modernen Teil stark zur Geltung bringen.

Thomas: Wir hoffen ganz stark, dass wir mit dieser Sache die Menschen wieder mehr erreichen können. Das Traditionelle und Moderne sollen sich vermischen.

Also ein revolutionärer Weg?

Hannes: Wir möchten gerne revolutionär sein aber immer traditionell eingehaucht.

Was erhofft ihr euch von dem Festival?

Thomas: Wir wollen das sogenannte „schwierige“Publikum davon überzeugen, dass moderne Blasmusik cool klingt. Es gibt viel kritisches Publikum.

Hannes: Wir hoffen, dass wir von den Besuchern angenommen und akzeptiert werden. Jeder soll eine Hetz haben. Denn eine Rockband kann auch mit Blasmusikern harmonieren. Man muss es nur zulassen, hinhören und natürlich volle abfeiern.

 Interview: Roman Gasser

 

Artikel & Interview: Roman Gasser
Artikel & Interview veröffentlicht in der
„Neuen Südtiroler Tageszeitung“ ©

Das Interview von Roman Gasser in der „Südtiroler Tageszeitung“

Das Interview von Roman Gasser in der „Südtiroler Tageszeitung“

 

Das Titelbild in der Ausgabe mit dem Fink/Untermarzoner-Interview