Treffpunkt Grafikstube

Mit einem Nicken, auf dem Monitor gaffend, mit der Hand auf der Maus klebend und mit dem Kopf schon beim Druckbefehl angelangt wird die „Tageszeitung“ täglich aufs Neue gestaltet. 15 Jahre „Tageszeitung“.

von Roman Gasser

Kalte Pizza liegt am Tischrand, die Füße bequem auf dem Tisch – das Telefon läutet – am anderen Ende der Leitung die Druckerei „centrostampa“ – ein lautes „Vaffanculo! – dov’è l’ultima pagina? – ragazzi, dobbiamo stampare“. Ein leises „si“ unsererseits und schon richtete sich unser Blick zum Redakteur für Kulturbeiträge, der noch seinen letzten Text abliefern muss, damit die Zeitung gedruckt werden kann. Der Schreiber hört nichts, zieht an der zerquetschten Zigarette, die Asche bröckelt auf die Maus, seine Finger laufen wie in Zeitlupe über die Tastatur, im TV läuft die Serie „Der Alte“ – ein Zufall? „Herr H. S.! – wo bleibt deine Seite, wir müssen in den Druck gehen!“ – ein entspanntes „in fünf Minuten“ kommt zurück. Nur blöd, dass so manche Journalisten ihre ganz eigene Zeitrechnung im Kopf haben und zwar: Abgabe des Textes in (Minuten) x 10 – so einfach ist das. Also nach 50 Minuten bekamen wir den letzten Text – Zeit für die Gestaltung hatten wir praktisch keine bzw. eine Minute – Text rein – Seite in die Druckerei nach Vicenza geschickt und schon geht es vom Eierabend in den Feierabend – und zwar um 23.30 Uhr. So eine Momentaufnahme des Grafiker-Lebens aus den Anfangsjahren der „Tageszeitung“ – früher tägliches Brot, heute unvorstellbar.

Auch wir Grafiker hatten es in den ersten Jahren schwer, geregelte Arbeitszeiten waren unrealistisch. Früher hatten wir nur wenig Zeit, eine Seite oder das Titelbild fertig zu stellen – unter starken Arbeitsdruck mussten wir oft in wenigen Minuten ein Titelbild (zaubernd) gestalten. Auch unser stämmiger Fotograf Charlie bekam sein Fett ab – er war oft bei Pressekonferenzen, musste aber feststellen, dass diese einen Tag früher stattfanden. Dadurch sind wir heute abgebrühter, denn Schnelligkeit kann man lernen.

„Nach der Umgestaltung bekamen wir Lob und Tadel. Wir hatten ein paar grafische Regeln nicht beachtet – unsere Antwort kühl: Regel sind da, um sie zu brechen – derjenige, der sich getraut, sie zu brechen, setzt neue Trends – so unsere Überzeugung.“

„Dring Dring“ – gegen 09.00 Uhr – lautes Weinen und viel Schluchzen am Ende der anderen Leitung – kurzer Blick auf das Handtelefon – „ach die Frau KG. von der „Tageszeitung“ – „Was ist los, wieso weinst du?“ – „Logo – Zeitung – Schluchz – Partei – SVP – Liste Seite drei – Schluchz“ – so klingt es, wenn jemand weint und sich zugleich beklagt. Vorneweg – jeder macht mal Fehler – so auch wir. Bei den Parlamentswahlen 2002 brachten wir am Tag vor der Wahl die Kandidatenlisten mit dazugehörigen Parteilogos heraus. Durch einen Fehler unsererseits hatten wir alle SVP-Logos mit den Berlusconi-Partei-Logos ersetzt, umgekehrt das Gleiche. Kann ja passieren. Unsere Werbe-Fee Hildegard „kneft“ liebevoll neben uns sitzend herum. „Werbung rein – Werbung ändern – Werbung wieder raus“ – blitzschnelles handeln beim pullen um neue Werbekunden gehören auch zur täglichen Prozedur – ohne Hildegard wäre der eine oder andere Werbekunde wohl in die Luft gegangen.

In der Grafikabteilung ging es meistens chaotisch zu. Die Journalisten rauchten, diskutierten, lachten, gafften in die Monitore der Grafiker – die Grafikstube war Treffpunkt. Man darf diese Zeiten nicht missen, denn auch diese Zeiten gehörten zur „Tageszeitung“.

Ein paar Jahre später kamen die ersten Verbesserungen. Wir formten nach und nach aus einem „Underground“-Blattl eine ansehnliche Zeitung. Im Jahre 2006 hatten wir die größte Umstellung zu bewältigen – und zwar die Format- und Layout-Umstellung. Während andere Tageszeitungen dafür mehrere Monate Zeit haben, 30 Sitzungen absolvieren konnten und alle Stress-Simulationen durchmachten, hatten wir nur zwei Wochen Zeit. Im Nachhinein gut – denn unter Zeitdruck kann man noch kreativer arbeiten, denn wir waren durch die Anfangsjahre abgehärtet. Auch unsere Druckerei wechselten wir – von Vicenza nach Auer zu „Varesco“ – die hervorragende Arbeit leisten. Nach der Umgestaltung bekamen wir Lob und Tadel. Wir hatten ein paar grafische Regeln nicht beachtet – unsere Antwort kühl: Regel sind da, um sie zu brechen – derjenige, der sich getraut, sie zu brechen, setzt neue Trends – so unsere Überzeugung.

Wir haben schon einen feinen Job mit herrlichen Privilegien. Nicht jeder kann von sich behaupten, er könne die wichtigsten Politiker und Promis im Lande grafisch durch Fotomontagen durch den Kakao ziehen – wir haben sie oft genervt, aber ab und zu auch zum lachen gebracht.

Aus der wilden Raucherstube, der Grafik-Abteilung wurde ein normales Arbeitszimmer – wo man ab und zu den Charlie „Herr Tribus“ und den Tribus „Herr Karl“ brüllen hört.

Wir fühlen uns nicht als Angestellte, sondern als große Firmen-Familie. Mittlerweile sind wir professioneller geworden, die Gestaltungsmöglichkeiten wurden mehr, die Arbeitszeit geregelt und die Abgabetermine locker eingehalten. Wir haben heute mehr Zeit, den LeserInnen eine hübsche Zeitung zu liefern. Ein Danke an die Vorgesetzten der „Tageszeitung“, denn sie lassen uns den kreativen Spielraum, um auch Neues zu wagen.

Die kalte Peperoni-Pizza, die vielen Nachtstunden, und der Urlaub vor dem Computer sind Vergangenheit – heute sind wir erwachsene und stolze Profis.

Wir sind gemeinsam groß geworden – jetzt ernten wir die Früchte, in Form eines Komplimentes: „Eine schön Zeitung – macht weiter so“. Danke. Wir machen weiter.

 

Veröffentlichter Artikel in der „Südtiroler Tageszeitung“ © (2010)
in der Sondernummer „15 Jahre Tageszeitung“