Der Umweg nach Südtirol

Von Berlin kommend und vom Versuchszentrum der Laimburg zum Weinbauern und Weinproduzenten: Martin Aurich vom Weingut Castel Juval-Unterortl im Porträt.

 

 

von Roman Gasser

Eine traumhafte Aussicht, wunderschöne Weinberge, historische Pfade und ein sauberes Anwesen erwarteten mich am Weingut Castel Juval-Unterortl. Dort angekommen fiel mir sofort die Liebe zum Detail auf, welche Martin Aurich pflegt – der charaktervolleWeinberg oder eben die vielen Kleinigkeiten, wie der alte Steinboden vor dem Haus – geschichtsträchtig und eben ein spezielles Weingut. Keine geteerten Straßen bis vor die Haustür, keine große architektonisch misslungene Produktionshalle. Ein Ort, welcher noch Ruhe ausstrahlt.

Martin Aurich empfing mich zu seinem Geburtstag, das sagt schon viel aus. Die Arbeit und die damit verbundenen Termine nimmt erernst. Wir setzten uns in den gemütlichen Verkaufsraum.

Ein junger Berliner zog nach Südtirol …

Ich lebte bis zu meinem 18. Lebensjahr in Berlin. Danach habe ich eine Ausbildung in Geisenheim im Rheingau  gemacht und bin dann 1983 nach Südtirol gekommen. Ab 1984 habe ich im Versuchszentrum Laimburg für die Sektion Kellerwirtschaft gearbeitet.

Und dann kam der Schritt vom Angestellten im Versuchszentrum zum Weinbauer: Wieso haben Sie diesen Schritt vollzogen? Wollten Sie weg vom Technischen und hin zur Leidenschaft im Weinberg?

Es war eigentlich die Liebe und Faszination zur Natur, nahe an der Natur zu sein, daraus auch was zu machen und zu veredeln.

War es auch die Herausforderung, alles selbst bestimmen zu können, ohne dass jemand dreinredet?

Ja, meine Frau und ich wollten uns eine Existenz aufbauen. So weit es geht unabhängig sein. Hier auf Juval haben wir die Voraussetzungen gefunden. Wir brauchten auf keine Geschichte eines Betriebes Rücksicht zu nehmen, wir konnten hier von Null anfangen. Und wir hatten von Anfang an einen großartigen Verpächter, der nicht nur investierte, sondern uns auch selbstständig wirken ließ. Wir standen nie unter Druck.

 

Weingut Unterortl

Weingut Unterorte (Foto: Roman Gasser)

 

Sie sind praktisch hier angekommen mit ihrer Frau und standen ganz am Anfang. Es hat kein Weingut gegeben. Haben Sie sich beim Aufbau der Anlage  an alten Aufnahmen von früher orientiert? Man hat das Gefühl, dass Sie sich wirklich der Natur angepasst haben und jeden Fleck im Weinberg optimal ausgenutzt haben. Sie haben das alles selbst geplant und aufgebaut. Wie sind sie vorgegangen?

Das erste war natürlich die Faszination vom Ort selbst – von diesem Ort nicht fasziniert zu sein, ist schwer (lacht). Es ist auch dieser Gegensatz zwischen den Felsen und der lebenden Natur. Dass hier immer schon Menschen gelebt haben, seit der Steinzeit. Ich war dann mit Kollegen hier, wir haben diskutiert und analysiert, versucht zu verstehen, was man machen kann, was wo pflanzen.

„Zum Tüftler gehört auch der Perfektionist. Man darf nicht den Supertechniker spielen, aber auch nicht den Künstler. Hier den perfekten Ausgleich zu finden ist entscheidend.“

Welche zwei Rebsorten waren damals in der engeren Auswahl?

Wir wussten von den Kollegen hier im Vinschgau was funktioniert, so z.B. Weißburgunder und Blauburgunder. Mich hat damals auch der Fraueler fasziniert, eine alte historische Rebsorte hier im Vinschgau. Wir haben Riesling zur Probe gepflanzt. Ohne eigentlich zu wissen, was daraus wirklich wird und haben dann mit den Jahren verstanden, dass das große Potential wahrscheinlich in dieser Rebsorte liegt. ualitativ, ein Alleinstellungsmerkmal für diesen Ort, charaktervolle Weine und eine Rebsorte, die perfekt hier her passt. Wir haben ein trockenes Klima, die Sorte ist weitgehend trocken-resistent, sie hält sich gut im Wind fest an den Drähten, reift spät. Das alles sind Chancen und Möglichkeiten.

Sie sind also ein sehr geduldiger Mensch? Denn man muss ja in dieser Phase viel Geduld haben …

Weniger geduldig als hartnäckig. Weinbau ist keine kurzfristige Kultur, sondern will Jahr um Jahr gelebt sein und die gemachten Erfahrungen wollen mit dem erlernten Wissen zusammen geführt werden. Wir ernten schließlich nur einmal im Jahr.

Martin Aurich ist ein Tüftler?

Ja, sicherlich. Ich muss mich wohlfühlen in der Umgebung, in der ich lebe – wie jeder Mensch, auch was physisch um mich herum ist. Ich mag schön gestaltete Umgebungen, stimmige Umgebungen und wir leben den Wein. Das ist eigentlich das, was unterm Strich wirklich zählt und was herauskommt. Wein ist auch ein Geschäft, aber vielmehr Leben und gelebte Kultur. Wir waren von der Kulturlandschaft, die wir vorgefunden haben, sehr fasziniert, die vielen Trockenmauern haben wir natürlich stehen gelassen und wo notwendig auch wieder aufgebaut. Heute bewirtschaften wir ein Weingut mit gut vier HektarRebfläche, aber mit mehr als 30 Parzellen. Das heißt, dass die Bewirtschaftung sehr aufwendig ist. Aber so ist es nun einmal und aus meiner Sicht gehört zum Leben auch ein Schuss Demut – so auch zu dem, was wir vorgefunden haben, weil wir es schließlich irgendwann wieder weitergeben. Die Generationen vor uns haben uns das hinterlassen und dies weiterzuführen zu dürfen ist auch Verantwortung. Aus diesem Verständnis versuchen wir unseren Weinbau nachhaltig und soweit als möglich ökologisch zu führen. Es ist eine Situation, die logistisch aufgrund der vielen kleinen Parzellen nicht einfach ist, aber es ist eine schöne Herausforderung (lacht). So haben wirdie Weinberge z.B. dort, wo möglich in Falllinie angesetzt, weil das System so besser funktioniert. Es ist die Luft, die auf- und niederstreicht bei uns im Steilhang, die Thermik, die von unten kommt und die Fallluft aus dem Schnalstal hinter uns, diese darf durch die Reihen streichen. Ein terrassierter Weinberg mag bequemer sein, aber damit blockieren wir die natürliche Belüftung. Wichtig ist es, die Pflanzen natürlich und gesund zu erhalten.

Welches ist ihr Parzellen-Schätzchen?

Das ist der Windbichl (lacht). Das ist diese Faszination an Steilheit, Schroffheit, aber auch an Wärme, Ausgesetztheit und am Ende ein Wein, der so vielseitig ist und faszinierend beim Genuss. Es ist unsere höhere Rieslinglage über dem Haus.

 

Weingut Unterortl (Foto: Roman Gasser)

Weingut Unterortl (Foto: Roman Gasser)

 

Welche Parzelle bockt am meisten?

Es gibt keine, die wirklich bockt. Der Blauburgunder ist eine Sorte, die sehr viel Aufmerksamkeit braucht, sehr viel Sensibilität im Umgang. Blauburgunder-Weine unterscheiden sich z.T. bedeutend von Jahr zu Jahr. Die Rebe reagiert und diese Reaktionen gilt es zu verstehen.

Es gibt viele faszinierende Stellen bei uns, exponierte Stellen. Ein solche ist im Jahr 2000 zu einem Weinberg geworden, aber uns war kein Flurname bekannt. Wir haben sie dann Himmelsleiter genannt, weil es ein besonderes Stück ist. Ein steiles Stück, dass man gewissermaßen ersteigt. Es verengt sich nach oben und schließlich gelangt man auf eine erhabene Felskuppe, auf der drei große Eichen in engem Kreis stehen. Auch aufgrund des schönen Ausblickes hat man das Gefühl angekommen zu sein – im Himmel (lacht).

Wann hatten sie das erste Mal einen professionellen Kontakt zum Wein? Wann haben Sie angefangen eine Bindung zum Wein zu entwickeln?

Ich habe eine Zeit lang als Schüler in einer Weinhandlung gearbeitet. Flaschen getragen – ich war 16. Der Geruch nach Wein in diesem Laden hat mich fasziniert. – Das muss eine Art Impfung gewesen sein. Gerüche sind etwas, mit dem wir Weinbauern leben. Sich an Gerüche und Geschmäcker zu erinnern, ist eigentlich die Basis, etwas reproduzieren zu können.

Sind Sie deshalb nach Südtirol gekommen?

Nein. Zum Wein und nach Südtirol bin ich auf einem Umweg über den Fruchtsaft gekommen. Ich wollte Fruchtsaft produzieren, das hat sich einfach durch die Ausbildung angeboten. Anfang der 80iger-Jahre gab es dann eine Wirtschaftskrise und so bin ich eigentlich verlegenheitshalber für ein Praktikum nach Südtirol zu einem Fruchtverarbeiter gekommen. Ich bin schließlich geblieben, weil ich fasziniert bin von dieser Landschaft und ein schönes menschliches Umfeld vorgefunden habe.

„Weinbau ist eine Generationsangelegenheit. Die Wurzeln, die wir hier haben, sind ja auch für die nächste Generation, die damit weiterarbeiten kann. Ja, man muss Geduld haben, wir schießen (ernten) ja nur einmal im Jahr.“

Welcher war dann der Knackpunkt?

Es ist dieses Schlüsselerlebnis des Flachländers, wenn er hier ankommt und die Berge sieht.

Wenn wir zurückkommen zu den vielen Prämierungen der letzten Jahre. Sie spielen mittlerweile in der Wein-Champions-League mit … ist der Druck dadurch größer geworden oder nehmen sie das locker?

Nein, ich bin nicht super locker (lacht). Zum Tüftler gehört auch der Perfektionist. Man darf nicht den Supertechniker spielen, aber auch nicht den Künstler. Hier den richtigen Ausgleich zu finden, ist entscheidend. Wir haben das große Glück, eine ganz tolle Lage bearbeiten zu dürfen, aus der ganz einmalige Weine kommen. Ich will, dass die Leute kommen, nicht weil die Etikette so toll ist, sondern weil der Wein einfach nur toll schmeckt. Wenn die Emotion ankommt, die wir hineinlegen in den Wein und sich das niederschlägt bei unseren Kunden, dann funktioniert der Wein. Das heißt, der Wein funktioniert dann, wenn er getrunken wird und wieder getrunken wird und man das Bedürfnis hat, vielleicht wieder eine neue Flasche zu öffnen.

Ist Reinhold Messner auch ein Weinliebhaber?

Also Reinhold Messner trinkt sehr gerne Wein, und auch unseren Wein. Wenngleich er sehr gerne Rotwein trinkt. Also trinkt er unseren Blauburgunder. Er ist auch stolz auf unseren Betrieb. Zwischen mir und Reinhold Messner ist ein sehr respektvolles Verhältnis entstanden. Das gleiche gilt auch für seinen Sohn Simon, der mittlerweile der Eigentümer des Hofes ist.

Wie verteilen sie ihre Weine?

Wir empfinden es als Kleinbetrieb für sinnvoll uns besonders an den Tourismus in Südtirol zu binden. Trinkt der Gast unseren Wein hier in Südtirol, nehmen wir einerseits an einem regionalen Rad – am Wirtschaften im Land – teil, aber es entsteht beim Gast vielleicht auch das Bedürfnis unseren Wein zu Hause zu trinken, egal ob er ihn bei uns direkt oder über einen Partner bezieht. – Für die Teilnahme an weit entfernten Exportmärkten fehlt uns die Menge und nur um’s Bauch „guzzln“ möchten wir es nicht tun, auch wenn wir es könnten. Wir leben nicht nur gerne in Südtirol, sondern haben hier ein ideales Umfeld in jeder Hinsicht.

Ein sehr schöner Schlusssatz.

Martin ging zu seiner Familie und stieß endlich auf seinen Geburtstag an, ja dann Prost. Einer, der in der Südtiroler Weinwelt seine Spuren gemacht hat und hinterlassen wird.

 

Artikel: Roman Gasser
Artikel veröffentlicht im „Weinmagazin DIONYSOS 4/2018“ ©
Fotos: ©Privat & ©Roman Gasser

Das Weinmagazin der Sommeliervereinigung Südtirol „DIONYSOS“ Ausgabe 04/2018